Der deutsche Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee plant offenbar, einen Klima-Pass für Neuwagen einzuführen, und zwar noch in diesem Jahr. Sinn dieser Maßnahme ist, “mehr Transparenz als Grundlage für Kaufentscheidungen zu schaffen“. An sich kein schlechter Gedanke, bei Kühlschränken beispielsweise ist eine derartige Kennzeichnung ja schon länger Usus.
Aber natürlich es gibt auch Kritiker, und zwar nicht nur Tiefensees Kollege Sigmar Gabriel aus dem Umweltministerium, der Tiefensee die Zuständigkeit abspricht. Die Deutsche Umwelthilfe e.V. (DUH) wird in einer Presseerklärung schon deutlicher. So kommentierte DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch die Pläne Tiefensees:
„Dieser Vorschlag von Minister Tiefensee verhöhnt jede ernst gemeinte Klimapolitik und zeigt einmal mehr, wie eng diese Bundesregierung mit den deutschen Autobauern verbandelt ist. Ausgerechnet die umstrittensten Klimakiller auf deutschen Straßen sollen von der aktuellen Diskussion profitieren und erhalten vom Verkehrsminister das Prädikat besonders umweltfreundlich – das ist Klimapolitik absurd. EU-Umweltkommissar Dimas und der ehemalige UNEP-Direktor Töpfer haben recht in ihrer Kritik: Eine deutsche Klimapolitik findet nicht statt“
Oha, wieso dieses? Nun, auf dem Klima-Pass sollen nach Tiefensees Wünschen zwei Werte eines Autos abgebildet werden: Zum einen der CO²-Ausstoß des Fahrzeugs an sich. Natürlich könnte sich der interessierte Käufer auch so nach den Emissions- und Verbrauchswerten erkundigen, aber anschaulicher ist natürlich eine 3-Klassen-Einteilung: Schadstoffarme Fahrzeuge bekommen ein freundliches Grün, mittelprächtige Autos sind mit Gelb dabei und Schmutzfinken kriegen ein strafendes Rot in die erste Skala des Klima-Passes eingetragen.
Dann gibt es da aber noch die zweite Skala, und in diese wird der “CO²-Nutzwert” eingetragen. Oder genauer: Die CO²-Emissionen werden mit der Nutzlast eines Fahrzeugs verrechnet. Die Logik dahinter ist wohl, dass beispielsweise ein vollbesetzter Minivan zwar mehr emittiert als kleines Sportcoupé, aber pro transportierte Person eben weniger. Mal ganz davon abgesehen, dass Autos eigentlich so gut wie nie voll besetzt sind: Was die DUH zurecht bemerkt ist, dass nach dieser Rechnung auch andere Fahrzeuge mit hoher Nutzlast sehr gut wegkommen, beispielsweise die vielgescholtenen SUVs. Es ergeben sich so sehr interessante Werte. Das Fahrzeug mit der höchsten CO²-Nutzlast wäre nach der Tabelle des DUH demnach der stattliche Landrover Freelander Td4S mit etwa 4 kg pro verbrauchtem Gramm Kohlendioxid und Kilometer. Abgeschlagen dagegen sind Kleinwagen wie der Ford Ka 1.3 mit schändlichen 2 kg/g pro km. Da die Emissionswerte und die Zuladung eines Autos mittlerweile in fast allen Testberichten erwähnt werden, kann man sich diese Werte auch selbst errechnen. Für mich steht jedenfalls fest: Wenn Tiefensee sich mit seiner Vorstellung vom Klima-Pass durchsetzt, reicht ein Blick vom Kleinwagen hinüber zum zivilen Stadtkampfpanzer (SUV) und zurück auf die Klima-Pässe der beiden Fahrzeuge, um diese Maßnahme zur Verbesserung der Transparenz als Unfug zu entlarven.
Schon als bei der Planung einer CO²-abhängigen KFZ-Steuer die Forderung laut wurde, die Fahrzeugklasse mit zu berücksichtigen, hatte ich einen leisen Verdacht, der sich auch hier bewahrheiten könnte. Denn was macht ein Hersteller, wenn ein Fahrzeug knapp die Emissionsobergrenze seiner Klasse verfehlt? Klasse rauf, Problem erledigt. Also im Zweifel das Auto etwas grösser und schwerer machen, was definitiv am Sinn der emissionsabhängigen Besteuerung vorbeigeht.
Was die Einstufung unter dem Gesichtspunkt der CO²-Nutzlast angeht, so könnten Trickser hier auf eine gängige Praxis aus der Vergangenheit zurückgreifen, die unter Bulli-Fahrern recht beliebt war: Das Fahrzeug auflasten. Durch einige unspektakuläre technische Veränderungen wird einfach die maximale Zuladung des Autos erhöht, und insbesondere bei grösseren Fahrzeugen sind hier meist noch Reserven vorhanden. Es gibt also durchaus Möglichkeiten, etwas Grün auf den Klima-Pass zu bringen, auch für Hersteller großer Fahrzeuge. Ein Schelm, wer böses dabei denkt. Vielleicht wäre es nicht das Schlechteste, wenn Herr Gabriel seinem Kollegen bei der Planung etwas behilflich ist – und ihn nochmal an den Sinn erinnert, den ein Klima-Pass eigentlich haben sollte.