Der Klimaschutz scheint bei Bundesumweltminister Gabriel den sportlichen Ehrgeiz geweckt zu haben. Im Februar einigten sich die Umweltminister der 27 EU-Mitgliedsstaaten noch darauf, dass die EU ihren Ausstoß an Treibhausgasen bis zum Jahr 2020 um 20% senken wolle. Und da einige Mitgliedsstaaten noch ein gewisser Aufholbedarf zugesprochen wird infolge der noch nicht abgeschlossenen Industrialisierung, müssen sich die entwickelteren Staaten bei der Reduzierung ihrer Emissionen etwas mehr ins Zeug legen (dazu zählt natürlich auch Deutschland). Für den Fall, dass Schwellenländer wie China und Indien ebenfalls Schritte zur Senkung ihrer CO²-Emissionen unternähmen, wolle die EU ihre Emissionen sogar um 30% senken. Woran Deutschland widerum einen höheren Anteil hätte. In einer Pressemitteilung des Bundesumweltministeriums wurde heute ein “8-Punkte-Plan” vorgestellt, mit dem die Treibhausgas-Emissionen in Deutschland bis zum Jahr 2020 um 40% gesenkt werden sollen. Eigentlich ein ehrenwertes Vorhaben, das ich durchaus begrüsse. Aber auf den ersten Blick erscheinen mir 40% Reduzierung in dreizehn Jahren sehr optimistisch – man darf nicht vergessen: Wir sprechen hier über Deutschland, das zwar ein positives Image in Sachen Umweltschutz hat, aber auch nicht unbedingt für seinen Reformeifer bekannt ist. Und dieses Deutschland, dessen Vertreter der Automobilindustrie sich vor nicht all zu langer Zeit mit Händen und Füssen gegen eine Emissionsobergrenze für Kraftfahrzeuge gewehrt haben, soll jetzt bei der Reduzierung der Klimagase voranstürmen? Mit Verlaub, das glaube ich erst, wenn wir das Jahr 2020 schreiben und wir diese Ziele tatsächlich erreicht haben.
Aber schauen wir uns die acht Punkte einmal an:
- Reduktion des Stromverbrauchs um 11 Prozent durch massive Steigerung der Energieeffizienz (Einsparvolumen: 40 Millionen Tonnen)
11% durch verbesserte Effizienz bei Elektrogeräten sind ohne weiteres drin, denke ich.
- Erneuerung des Kraftwerksparks durch effizientere Kraftwerke (30 Millionen Tonnen)
Tja… unter den effizienteren Kraftwerken befinden sich natürlich auch neue Kohlekraftwerke, was wohl sehr vielen Leuten Bauchschmerzen bereiten wird. Moderne Kraftwerke sind zwar immerhin meist effizienter als alte, aber dennoch wäre da vielleicht mehr drin gewesen.
- Steigerung des Anteils der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung auf über 27 Prozent (55 Millionen Tonnen)
Derzeit liegt der Anteil der erneuerbaren Energien bei 7,4%, wir sprechen also von einer Vervierfachung des Anteils, den Sonne, Wind, Wasser und nachwachsende Energieträger an der Energieerzeugung haben sollen. Da sind zwar noch einige Anstrengungen notwendig, aber das Ziel ist nicht unerreichbar. Vor allem, wenn man bedenkt, dass da noch die Einsparungen von 11% aus Punkt 1 sind (wir sprechen ja schließlich vom Anteil der erneuerbaren Energien, der steigen soll, nicht von der Gesamtmenge.
- Verdoppelung der effizienten Nutzung der Kraft-Wärme-Kopplung auf 25 Prozent (20 Millionen Tonnen)
Die Realisierung dieses Punktes geht vermutlich mit der Erneuerung der Kraftwerke einher.
- Reduktion des Energieverbrauchs durch Gebäudesanierung, effiziente Heizungsanlagen und in Produktionsprozessen (41 Millionen Tonnen)
Es ist mittlerweile ja bekannt, dass die Menschheit zwar alles, was sie an technischen Innovationen erreicht, in die Automobilentwicklung steckt, dabei aber den Hausbau schwer vernachlässigt hat. Eine flächendeckende Verbesserung der Wärmedämmung ist im Grunde längst überfällig, der Anteil der zum Heizen genutzten Energie am Gesamtverbrauch ist in den meisten Fällen viel zu hoch. Bei der Sanierung der Gebäude sind natürlich jeweils die Eigentümer gefragt, der Staat kann hier nur durch die Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen lenkend eingreifen. Falls in den nächsten Jahren allerdings auch weiterhin der Winter im Grunde genommen nicht stattfindet, werden die Einsparungen in diesem Bereich nochmals etwas grösser sein (einer der wenigen positiven Aspekte des Klimawandels). Zudem greift dieser Punkt der Bauindustrie sicherlich noch etwas unter die Arme.
- Steigerung des Anteils der erneuerbaren Energien im Wärmesektor auf 14 Prozent (14 Millionen Tonnen)
Dank Solar- und Geothermie sollte dieser Punkt zu realisieren sein, zumal auch das Verfeuern von nachwachsenden Rohstoffen (hierzu zählen auch die trendigen Holzpellets) dazu zählt. Und auch hier sprechen wir ja wieder vom Anteil am Gesamtverbrauch.
- Steigerung der Effizienz im Verkehr und Steigerung des Anteils der Biokraftstoffe auf 17 Prozent (30 Millionen Tonnen)
Im Grunde machbar. Da der Anbau von Energiepflanzen zur Treibstoffgewinnung allerdings ein zweischneidiges Schwert ist, kann man nur hoffen, dass die Technik zur Produktion von “Biotreibstoffen der zweiten Generation” (BTL) in den nächsten Jahren ausgereift und auch eingesetzt wird. Die Effizienz ist da schon leichter zu realisieren, da in den nächsten 13 Jahren ohnehin ein Großteil der in Deutschland zugelassenen Fahrzeuge durch neue Modelle ersetzt wird, die sicherlich (im Schnitt) etwas sparsamer sein werden.
- Reduktion der Emissionen von anderen Treibhausgasen wie zum Beispiel Methan (40 Millionen Tonnen).
Anfangs dachte ich, dass das Umweltministerium den Rinderzüchtern das Leben schwer machen will. Es wird allerdings wohl eher daran gedacht, das aus Mülldeponien ausströmende Methan aufzufangen und zur Energiegewinnung zu nutzen (mittlerweile ist die Nutzung von Schwachgas auch ökonomisch sinnvoll und ist somit in ökologischer Hinsicht gleich doppelt wirksam.
Dieses Paket durchzuboxen, wird allerdings sicherlich die härteste Aufgabe dieses Vorhabens sein. Die Opposition ist jedenfalls schonmal nicht begeistert, und auch innerhalb der Fraktion werden Gabriels Pläne sicher nicht bei jedem Anklang finden. Naja, gutes Gelingen!